Kaputtes heil machen

Dinge gehen im Leben meist dann kaputt, wenn man das am allerwenigsten brauchen kann. Geht im Film oder Drehbuch etwas kaputt, ergibt sich daraus ein großartiges Hindernis oder löst irgendwelche  Verwicklungen aus. Wenn der Schwiegersohn in Spe mit dem Sektkorken knallt und dabei die Urne der Großmutter zerstört, bleibt der Freundin und ihren Eltern nur noch geschockte Ausrufe. Und selbstredend erlangt der der arme Greg aus „Meet the parents“ (Drehbuch: Jim Herzfeld und John Hamburg, Story: Greg Glienna & Mary Ruth Clarke) damit nicht die Liebe von CIA-Papa Jack (in einer seiner vielen Paraderolle Robert DeNiro) (Daily Dialogue von Scott Myers).

Manchmal setzt etwas Kaputtes die Handlung überhaupt erst in Gang, wie die feuchten Wände den Grusel im japanischen Horrorfilm „Dark Water“ (Drehbuch: Ken’ichi Suzuki and Yoshihiro Nakamura, Romanvorlage: Kôji Suzuki) auslösen. Nachdem die junge Mutter Yoshimi den Sorgerechtsstreit um ihre 5-jährige Tochter gewonnen hat, will sie mit dem Mädchen neu anfangen. Doch ihre neue Wohnung ist feucht und unheimlich… Als Yoshimi bei Vermieter und Hausverwalter immer wieder insistiert, dass Wände und Decken nass sind, wird sie nicht recht ernst genommen.

Nun, das Gebäude ist nun einmal ziemlich alt, wissen Sie!

Wenn es nur das Gebäude wäre, denn tatsächlich ist hier etwas ganz anderes zerstört worden und und das ist die Ursache alle diesen Horrors. Dass Yoshimi von Anfang an nicht ernst genommen wird, diese Diskrepanz zwischen Außenwahrnehmung und dem, was wir mit ihr und ihrer Tochter wahrnehmen, verstärkt den Grusel dabei. Obwohl ich den Film an einem strahlenden Samstag Nachmittag auf dem heimischen Fernseher gesehen habe, verfolgt mich dieser Grusel, wenn ich mich an diesen Film erinnerte.

Drehbuchautoren können Kaputtes für ihre Stoffe also hervorragend nutzen, es liefert darüberhinaus ein Bild für die Drehbucharbeit an sich – wie die Szene aus „Doc Hollywood“ (Drehbuch: Jeffrey Price & Peter S. Seaman and Daniel Pyne, Romanvorlage: Neil B. Shulman). Doc entfährt ein ergreifendes, langgezogenes „Shit“ beim Anblick seines geliebten Porsche 356 Speedster in Einzelteilen. Der Mechaniker fühlt sich davon natürlich in seiner Berufsehre angegriffen.

Ganz ruhig, Doc. Was wäre, wenn ich mitten in einer Bauch-OP hereinspazieren würde, während die Eingeweide irgendeines armen Gentlemans gerade herausquellen?

Doc lässt sich nicht wirklich beruhigen, aber eine ähnliche Erfahrung machen Drehbuchautoren immer wieder, wenn ein Entwicklungsschritt scheinbar alles zerstört. Am Ende fährt Docs Roadster wieder und das kann ein beruhigender Gedanke sein: Manchmal musst du etwas erstmal in seine Einzelteile zerlegen, bevor du es wieder reparieren kannst.

Und solch eine Reparatur kann auch eine Figur erlösen, wie analysiert Will King bei „Die fantastische Welt von Oz“ (Drehbuch: Mitchell Kapner und David Lindsay-Abaire, Story: Mitchell Kapner, Romanvorlage: L. Frank Baumtingelt) analysiert. Oscar tingelt als Zauberer über die Jahrmärkte von Kansas, wo ihn ein Mädchen im Rollstuhl bitten, dass sie wieder laufen kann – was er natürlich nicht kann. Doch in Oz gelingt ihm ein solches Wunder und er heilt die zerbrochenen Beine des Porzellanmädchens (ein Alter Ego jenes Mädchens zuvor).

Meine Dialoganalyse ist inspiriert von Scott Myers‘ „Daily Dialoges“ auf Go into the Story, der Themenvorschlag „Broken“ für die vergangene Woche stammt von mir. Die Transkripte der beiden Szenen und meine Kommentare dazu auf Englisch finden sich auf Scott’s Blog („Dark Water“ und „Doc Hollywood“).

 

Foto: Tina Rataj-Berard